Review: Indie-Rock-Pionier TOMMY FINKE veröffentlicht „Ein Herz für Anarchie“!

Veröffentlicht: Juli 27, 2017 in Neuerscheinungen
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Tommy Finkes viertes Album „Ein Herz für Anarchie“ bietet melancholisch-euphorischen Singer-/Songwriter-Rock mit Aufrichtigkeit und einem famosen Händchen für treffsichere Sprachbilder. Die teils nachdenklichen, teils ungestümen und übermütigen Songs wurzeln tief in Traditionen der Siebziger- bis frühen Nullerjahre. Eine Rezension.

Tommy Finke klingt frisch wie nie, doch sein Weitblick richtet sich nach hinten und überspringt mit Schwung die vergangenen zehn Jahre, als hätte es die gespielte Pseudozerbrechlichkeit und den selbstbesoffenen Betroffenheitspathos der deutschsprachigen Popwelt in der Zwischenzeit nie gegeben (das sagt Oliver Uschmann) – und doch gibt es typische „Oh oh oh oh“ -Chöre und teilweise auch ein bisschen Blabla-Gerede zwischen all den wichtigen und unwichtigne Themen, die der Bochumer Musiker anreißt: Die Dinge, das Leben, die Menschen und die Städte verändern sich zum Negativen ( „Der Himmel über Berlin“ ) und trotzdem sollte man die Leichtigkeit neben all der pulsierenden Dramatik niemals vergessen während man melancholisch in der Vergangenheit schwelgt: „Küss mich, küss mich / Wie 1980 / Wir tanzten besoffen durch das Brandenburger Tor“ .

Was teilweise nach der Neuen Deutschen Welle klingt, ist eigentlich ein Jemand, ein echter Vollblutmusiker, der die Dinge beobachtet und mit seinen Worten beschreibt und vielen Liedern auch noch die Punk-Rock-Haube aufsetzt, ganz ohne Weichspüler und mit viel des früheren Bosse („Guten Morgen Spinner“, „Kamikazeherz“). Fast schon sarkastisch ist es doch, wenn eine fröhliche(re) Melodie unterschwellig tragische Texte wie „Für jeden Scheiß Tabletten / Und gegen jeden auch […] Du ritzt und suchst die Schuldigen für Deine Depression / Fürs iPhone springen sie von den Dächern / Doch es glänzt so schön […] Abi-Zeugnis – abgehakt / Uni-Abschluss – abgehakt / Haus im Grünen – abgehakt […]“ unterlegt.

Tommy Finke ist ein Indie-Rock-Pionier und diese Platte muss verstanden werden, um geliebt werden zu können. Das ist kein 08/15-Romantico-Pop, an dem sich heutzutage viele Singer/Songwriter erfolgreich versuchen. Das Ergebnis dieser ist, dass das Radio sie liebt und Jim Pandzko es genauso gut machen kann wie du und ich, möchte man meinen – das trifft natürlich nicht auf jeden zu und zwischendurch tut – gerade in schlechten Zeiten wie diesen – eine solche Leichtigkeit eines Giesingers, Tawils oder Poisels auch unheimlich gut; doch auf die Dauer gesehen, müssen wir gestehen, dass es schon schön ist, wenn jemand unsere Gedanken liest und die Ernsthaftigkeit betrachtet und in Liedtexte verpackt. Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen, da wir von und mit ihr leben – und „Lavendel“ ist der perfekte Track, um mal kurz zu entspannen und den zarten Piano-Geigen-Klängen zu lauschen.

Es sind 12 Titel, mit denen Mastermind Tommy Finke, dessen Album durch ein Crowdfunding (ja, wir haben auch eine CD gekauft!) finanziert wurde, überzeugt – 44 Minuten, die unfassbar starke Songs wie „Jüngstes Gericht“ hervorbringen und denen man wünscht: Bitte hört sie und tragt sie mit Tommy und uns in die Welt hinaus. Songfetzen wie „Und der Engel spricht: Fürchtet Euch nicht / Wir spielen nur ein bisschen jüngstes Gericht“ in selbem Lied erinnern beispielsweise urplötzlich an Adam Angst und Alligatoah und diese Mischung, meine Damen und Herren, ist bitte nicht auf das Gesamtwerk zu übertragen, aber sollte bitte deutlich machen, dass dieser Typ unglaublich ist und dass er auch ein Lied über „David Bowie“ schreiben oder mit „Halt Dich an meiner Liebe fest“ eine Ton-Steine-Scherben-Rio-Reiser-Hommage machen darf. Eine Platte, die viele Bilder liefert, obwohl sie ziemlich direkt ist. Chapeau, ein Moritz Fiege auf Dich, Tommyallein schon, weil der Crowdfunding-Lieferung ein Organspendeausweis beilag. Danke! ❤

Ein Herz für Anarchievon Tommy Finke | VÖ 28.07.2017 |
ANHÖREN // Download, CD & Spotify!

Fotocredit: Tim Kramer

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