Musik-Empfehlung der Woche: SAM VANCE-LAW – „Prettyboy“ (Chamber-Pop)

Veröffentlicht: August 21, 2017 in Musik
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Wie klingt Popmusik von jemandem, der ohne Popmusik groß geworden ist? Eine interessante Versuchsanordnung – und eine Frage, auf die es nun eine Antwort gibt: „HOMOTOPIA“ , das erste Album des kanadischen Songschreibers Sam Vance-Law, ist von einer literarischen Qualität, einer orchestralen Grandezza und einer präzisen Beobachtungsgabe geprägt, wie man sie in dieser Kombination nur selten erlebt. Musiktipp!

Für uns war das am Freitag eine der spannendsten Entdeckungen der letzten Wochen, Monate, Jahre – und wir übertreiben nicht,  ganz sicher nicht. Denn kennst Du dieses Gefühl: Du checkst Deine Mails, gehst alles durch, nach und nach. Irgendwann verlässt Dich vielleicht die Lust, weil sich vieles gleich anhört und die Intentionen der Musiker nicht mehr zu erkennen sind. Dann war sie da, die E-Mail von unseren Freunden bei Caroline International Germany, die üblicherweise sowieso nur Gutes bringen. Also: Klicken, das wird endlich was Hörbares sein.

Und dann sehen wir das einnehmende Bild von Sam Vance-Law und sind schon angetan, es zieht uns irgendwie an, hat eine starke Wirkung. Videopremiere beim Musikexpress, erstmal auch nicht so schlecht. Natürlich klicken wir drauf und schon spielt sich das Video ab. Zum ersten Mal.  „Prettyboy“ ! Mund auf. Ruhe. Begeisterung. Hype! Wir wollten sofort wissen, wer dieser Sam Vance-Law ist und ob es schon was gibt, was es noch geben wird und wie lange wir drauf warten müssen. Okay, Max Gruber (Drangsal) spielt im Video mit. Puh. Was passiert noch alles? Hype²! Dieser Mann erobert unser Herz während er da so im Altersheim rumtanzt und die Omis und Opis ebenfalls super Moves abliefern. Mensch, unser Herz. Aber Ihr müsst selbst gucken, genießen, Euch in den Bann ziehen lassen und Sam Vance-Law im Auge behalten. Artist to watch, aber sowas von!

Ein bisschen Hintergrund zu Sam Vance-Law möchten wir Euch ebenfalls liefern: Geboren in Edmonton, Kanada, zieht Sam vierjährig mit seiner Familie ins englische Oxford, wo seine Mutter ihre Dissertation angeht. Als er mit 16 zurückkehrt, blickt auf eine mehrjährige Karriere in dem renommierten Choir of New College Oxford zurück, mit dem er Alben aufnahm, durch Europa tourte und fünf mal die Woche den Gottesdienst zierte. Pop spielte im Leben des jungen Sam keine Rolle: „Mein Vater mochte die Talking Heads und meine Mutter hörte Annie Lennox. Aber für mich war das die Musik meiner Eltern, während Klassik die meine war.“ Klassik als Rebellion, Revolte einmal andersrum – so kann es auch gehen.

In seinem Freundeskreis während des Literaturstudiums in Edmonton – darunter Mac Demarco – fing Sam Vance-Law dann schließlich doch noch Feuer für die Popmusik. „Es gab eine Party und ich wollte dahin. Auf diesen Partys spielten die Bands meiner Freunde und irgendwann hab ich da einfach mitgemacht.“ Seine finale Pop-Epiphanie erlebt Sam Vance-Law 2009 auf dem Sasquatch-Festival in Washington: „Meine Freunde meinten: ‚Wenn du mitkommst, musst du dir vorher alle wichtigen Künstler anhören, die dort auftreten.‘ Animal Collective, Grizzly Bear, Girl Talk, Bon Iver und TV On The Radio. Sie alle sind dort aufgetreten“ , sagt Sam, „es war ein sehr gutes Jahr.

So ist denn sein Chamber-Pop, wie man diese Musik am ehesten nennen würde, zu gleichen Teilen im klassischen Folk wie in der Klassik beheimatet. John Grant, The Magnetic Fields und Father John Misty haben auf „HOMOTOPIA“ Spuren hinterlassen, aber durch seinen kulturellen Hintergrund und die Liebe etwa auch zum Theater und zur Oper kommt Sam Vance-Law zu anderen Ergebnissen als die Genannten. Es ist eine erzählende Musik, aber sie ist auch: orchestral, gewaltig, mitreißend. Entstanden ist das 2018 bei Caroline International erscheinenden Debüt „HOMOTOPIA“ über drei Jahre verteilt in Sam Vance-Laws heutiger Heimat Berlin. Eigentlich hatte er dort nur einen Freund besuchen wollen, dann blieb er gleich ganz.

Mit seinen Songs setzt Sam Vance-Law alle Aspekte schwulen und queeren Lebens und Fühlens reflexiv in ein Verhältnis zum Hier und Jetzt.Der grundsätzliche Gedanke war, dass sich selbst in der kurzen Zeit seit meinem Outing wahnsinnig viel geändert hat“ , sagt Sam. „Nehmen wir die sogenannte Ehe für alle: Natürlich finde ich das grundsätzlich erst mal toll. Aber wenn man anfängt, es sich in solchen heteronormativen Moralvorstellungen bequem zu machen, verliert man zwangsläufig ein Stück der Kultur, die in der queeren Szene etabliert worden ist. Eine andere Art, Familie und Gemeinschaft zu denken, von der auch Heteros profitieren könnten.“ Die spießige Idealvorstellung einer glücklichen Ehe mit Kindern, Hunden und einem Häuschen am Stadtrand erfährt in dem Song „Let’s Get Married“ denn auch die volle Spott-Breitseite von Sam Vance-Law, wenn er singt: „And you said Yes just last night/ To both the dog and the car/ and I thought if you would share them with me/ You might share your heart.

Bei einem Job als Bühnenmusiker – Sam Vance-Law vertritt damals Verena Gropper an der Geige bei Get Well Soon – lernt er Konstantin Gropper kennen. Der meisterhafte Arrangeur und Produzent hört begeistert die frühen „HOMOTOPIA“-Entwürfe und lädt Sam Vance-Law ein, die entstandenen Aufnahmen weiter auszuformulieren. Mit Gropper als Koproduzent hat sich die Vision des Sam Vance-Law erfüllt.

 

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