|| INTERVIEW: JUDITH HOLOFERNES über ihre Texte, Wir sind Helden, das große TV-Erlebnis „Sing meinen Song“ und ihre persönlichen Lieblingssongs des Jahres!

Veröffentlicht: November 25, 2018 in Interviews
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Judith Holofernes ist ein Maninfest in der deutschen Musikszene. Derzeit ist sie mit ihrem zweiten Soloalbum ›Ich bin das Chaos‹ auf großer Deutschland-Tour! Lest hier unser Interview mit Judith Holofernes.

Mit ihrer ersten Soloplatte zog Judith Holofernes 2014 erstmalig ohne ihre Mitstreiter von Wir sind Helden in die Welt hinaus, ›ein leichtes Schwert‹ schwingend. Der Nachfolger ›Ich bin das Chaos‹ erschien 2017 und schließt in seiner Spielfreude klar an das ›zerzauste Debut‹ an – derzeit ist die Künstlerin auf gleichnamiger Albumtour und beantwortete uns ein paar Fragen.

The Pick: Um noch einmal in die Vergangenheit zu blicken, nehmen wir die unangenehme Frage mal vorweg, bevor wir uns ganz Judith Holofernes widmen:
„Wir sind Helden“ waren erstmal raus, auf unbestimmte Zeit. Verspürt Ihr die Lust, Euch mal wieder zusammenzutun – oder ist die Pause mittlerweile zu einer Trennung geworden?
Judith Holofernes: Inzwischen ist das so lange her, dass man wahrscheinlich eh von einer Reunion sprechen würde, wenn wir irgendwann wieder was zusammen machen! Im Grunde hat sich an der Lage nichts geändert: wir finden alle immer noch toll, was wir zusammen als Helden gemacht und erlebt haben, und würden nie ausschließen, dass das irgendwann auch wieder aufgenommen wird. Aber wir sind auf der anderen Seite auch alle sehr glücklich mit dem, was wir uns seitdem aufgebaut haben. Ich habe viel Herzblut und Arbeit in meine neue Band gesteckt – wir stehen ja zu sechst auf der Bühne – und ich habe das Gefühl, gerade erst da anzukommen, wo ich damit hinwollte.

Du und Dein Mann seid Buddhisten, was wir ziemlich spannend finden. Wie kam es dazu, dass Ihr Euch dazu ‚entschlossen‘ habt, das zu praktizieren?
Wir haben uns beide immer schon für Philosophie und Meditation interessiert. Als das mit den Helden so richtig losging damals, haben wir durch Zufall ein kleines Buddhistisches Zentrum direkt in unserer Straße entdeckt, sind für einen offenen Abend vorbeigegangen und hatten beide das Gefühl, nach Hause zu kommen. In den Heldenjahren, die ja ziemlich verrückt und schnell waren, war das ein ganz wichtiger Anker für uns.

Ist der Albumtitel „Ich bin das Chaos“ autobiografisch – sprich: wieviel Chaos steckt wirklich in Dir?
Sehr viel! Mühsam gezähmtes Chaos, würde ich sagen. Als Kind war ich sehr chaotisch, habe Spaghettigabeln zur Stirn geführt, Schulranzen im Bus vergessen, bin mit einem Schuh vom Ferienlager nach Hause gekommen. Auf Tour zu sein hat mich lustigerweise zu mehr Ordnung erzogen. Wenn ich das nicht gelernt hätte, wäre ich wahrscheinlich am dritten Tag ohne Klamotten dagestanden.

Nehmen wir an, Du müsstest Dich entscheiden und dürftest nur noch einen einzigen Song von „Ich bin das Chaos“ live spielen: Welcher wäre das und warum?
Ich glaube, das wäre „Charlotte Atlas“! Der macht live wahnsinnig viel Spaß, und es kommt fast alles drin vor, was unser Livespektakel so ausmacht: schräge Frauenchöre, ein Keyboard-Flötensolo, ein dickes Garage Punk-Riff… Auf der anderen Seite vielleicht: der letzte Optimist. Der ist ganz anders, sehr still und tieftraurig, der ist aber so was wie die heimliche Single vom Album und die Leute freuen sich immer wahnsinnig, wenn der kommt… und ich auch!

Sing meinen Song“ war eine etwas andere Erfahrung für Dich. Hast Du die Sendung selbst seit der ersten Staffel verfolgt und bist Fan des Formats oder kam irgendwann einfach die Anfrage und Du dachtest Dir „Ja, warum eigentlich nicht“?
Ich war früher eher skeptisch, aus der Ferne, und ohne die Sendung zu kennen. Als die Anfrage kam, habe ich mir eine komplette Staffel am Stück reingezogen. Und dann die nächste, und die nächste… immer rückwärts bis zur ersten. Und war total begeistert. Ich bin bis heute froh, dass ich das nicht blind abgelehnt habe, ich fand die ganze Sache rundum total toll.

Du schreibst unfassbar inspirierende Texte. Wann hast Du gemerkt, dass Du ein Gespür für die richtigen Worte hast?
Oh, das ist lieb! Äh. Also. Da fehlen mir die Worte. Hmm. Ich habe als Kind angefangen, Robert Gernhardt-Gedichte bzw. Otto Waalkes-Witze, die von Gernhardt waren, zu deklamieren, damit hat vielleicht die Liebe zu komischer Lyrik angefangen… Dann habe ich die Plattensammlung meiner Mutter entdeckt und von Anfang an war mir nichts daran egal, vor allem die Texte. Ich hab angefangen, Englisch und Französisch zu lernen, weil ich wissen wollte, was die da singen.

Mit Deinem Album kamen auch „Die Gedichte zum Chaos“ . Wie entscheidest Du, ob aus einem Text im Endeffekt ein Gedicht oder ein Song wird?
Das schöne an Gedichten ist, dass sie, zumindest wenn man so unschuldig rangeht wie ich, noch weniger einer festen Form unterworfen sind, als Songs. Ein Gedicht wird vielleicht, was sich auch beim besten Willen nicht singen lässt?

Dramatik, Wut, Zeitgeschehen und Ironie spielen eine zentrale Rolle in Deinen Texten. Wann weißt Du, dass Du über die Sache XY jetzt einen Text schreiben solltest und passiert das dann zunächst in Stichpunkten oder ist am Ende des Gedankens eine vollständige Rohversion auf dem Papier?
Meistens habe ich eine Zeile plötzlich im Kopf, uneingeladen, beim Spazieren gehen. Oft sind es Themen, die mich Wochen oder monatelang beschäftigen, und plötzlich formiert sich, während mein Kopf darum kreist, ein Song. Manchmal ist aber auch zuerst eine heimatlose Zeile da und ich weiß gar nicht, worum der Song geht, das eröffnet sich mir dann beim Schreiben erst…

… oder sind die Textideen mittlerweile direkt auf dem Smartphone und gar nicht mehr ‚oldschool‘ auf einem leeren Blatt?
Fahrlässigerweise manchmal nur in meinem Kopf! Den kompletten Text zu „So weit gekommen“ hab ich auf einem Spaziergang geschrieben, ohne irgendwas zu schreiben…

Du bist ja nun schon lange in der Musikwelt. Wenn Du daran denkst, wie das ganze Spiel vor 10 Jahren abgelaufen ist und wie es jetzt ist: Was hat sich Deiner Meinung nach verbessert und was war früher schöner oder einfacher/schwieriger?
Oh weia, darüber müsste ich eigentlich mindestens einen ganzen Blodtext schreiben… So vieles! Die Digitalisierung hat viel Freiheit mit sich gebracht und fängt an, alte Strukturen zu zerstören, die mir nie besonders gefallen haben. Das macht mir natürlich Spaß. Auf der anderen Seite ist es unglaublich viel schwerer geworden, die Musik, die man macht, auch nur zu finanzieren, geschweige denn, damit irgendwelches Geld zu verdienen.

Die Welt im Allgemeinen hat sich ja verändert, positiv wie negativ. Bei den letzten Konzerten, auf denen wir waren, haben die Künstler immer Stellung bezogen und vor allem das „Menschsein und Menschbleiben“ in den Fokus gerückt. Wie wichtig war es Dir schon immer, Deine Stimme zu nutzen und Dich für die Sachen stark zu machen, die Dich beschäftigen oder Dir wichtig sind – gerade in Sachen Politik, Umwelt und eben „Füreinanderdasein“ ?
Ich habe vor allem das Gefühl, in meinen Songs für und in der Welt da zu sein. Das ist das Wichtigste: Verbindung, Trost, Inspiration, Zunder. Alles andere ist eigentlich beinahe privat: ich verhalte mich in meinem Beruf zu gesellschaftlichen Themen, wie andere Leute in ihren Berufen das auch tun würden. Ein Bäcker spendet vielleicht Brot für ein Flüchtlingsheim, ich spiele ein Solikonzert oder schreibe einen Song. Ich bin noch nicht mal davon überzeugt, dass mein Beruf in dem Sinne viel mehr bewirken kann, als eben der eines Bäckers. Aber man bringt eben das ein, was man beizusteuern hat.

Beschreib Dein 2018 mit nur einem Wort …
Ein wilder Ritt.

… und nenn uns doch abschließend bitte fünf Songs/Alben des Jahres, die sich die Leser unbedingt noch anhören müssen:
Ich sag euch meine Lieblingssongs des Jahres, obwohl die teilweise (viel) älter sind, ok?
Courtney Barnett – Pedestrian at best
Phoebe Bridgers – Motion Sickness
Eefje de Visser – Scheef
Laura Stevenson – Torch Song
Gurr – Hot Summer


Judith Holofernes „Ich bin das Chaos“ Tour 2018:
25.11. Köln Gloria Theater
26.11. Berlin Admiralspalast
28.11. Ludwigshafen dasHaus
29.11. Ingolstadt Kulturzentrum neun
30.11. Darmstadt Centralstation
03.12. Rostock MAU Club
04.12. Hamburg Mojo Club
05.12. Osnabrück Rosenhof
>> Tickets kaufen!


Fotocredit: Marco Sensche

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