XII Bestias“ – das sind zwölf Songs zwischen Chelsea Wolfe und Tito and Tarantula, zwischen New Wave und Wüstenrock, gegen den dauerfröhlichen Selbstdarstellungszwang und für das ehrliche Bekenntnis zu den eigenen Gefühlen. Lejana veröffentlichen ihr zweites Album am 10. August weltweit. Eine Review.

Lejana haben 2014 mit ihrem s/t-Album ihr Debüt veröffentlicht und feiern dieses Jahr zehnjähriges Bandbestehen – eine ungewöhnliche Bandgeschichte mit außergewöhnlicher Musik, tiefen Lyrics und einer großen Entfernung, die der Bandname in der Übersetzung aus dem Spanischen bereits erahnen lässt: Während Frontfrau Linda Marlen Runge (Vocals, Synths, Bass, Keys – bekannt aus der erfolgreichsten Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten„) in Berlin wohnt und ihr Herz in Mexiko lebt, kommen die vier Herren – Eder Perales (Gitarre), Isaac Fernandez (Schlagzeug), Daniel Barrera (Bass, Backing Vocals), Saúl Ledesma (Gitarre) – genau von dort: Guadalajara in Mexiko. Welten treffen aufeinander.

Vier Jahre nach dem Debüt lassen Lejana nun mit „XII Bestias“ zwölf Biester in die Welt, die es knallhart in sich haben, weil sie nicht mehr länger zu bändigen waren; vor zwei Jahren sollte die neue Platte bereits erscheinen, doch es war noch immer ein bisschen am Feinwerk zu schleifen. Die Zeit zwischen den beiden Alben legt auch noch einmal einen extremen Abstand zwischen beiden offen – war der Erstling noch deutlich greifbarer und ging eher in Richtung Pop, so bewegt sich der Nachfolger zwar noch immer in Synth-Dream-Pop-Sphären, die hier aber hörbar deutlich mit New Wave, Post-Rock, Punk und Rock’n’Roll anecken. Und trotz weniger Pop-Anleihen, ist Lejanas „XII Bestias“ in seiner Gesamtheit keine leichte Kost, sondern vielmehr Kunst, die entdeckt, verstanden und intensiv gehört werden muss! Eine Eindringlichkeit kommt mit jedem Song daher, dass es schon fast unheimlich ist, wie ein Lied Dich beim Hören um- und sogar verschlingen kann – sei es nun der verhältnismäßige sanfte Opener „Bullet“ , das verträumt-umfassende „Los Perros“ oder die verworrene Punk-Rock-Nummer „Issues“ . Die verschiedenen Einflüsse brechen mit dem Ideal und vermischen Spreu und Weizen, lassen gerade dadurch aber einen ‚ear gasm‘ sondergleichen entstehen – nichts ist vorhersehbar, fast wie in einem Quentin-Tarantino-Western mit ein bisschen Stranger-Things-Moderne, Grenzen gibt es keine: Am Ende sitzt man da, völlig aufgewühlt und verloren und hat diesen speziellen „Was für ein Masterpiece“ – Gedanken, der automatisch ein Grinsen und Herzklopfen hinterlässt – denn vielleicht sind Lejana die Tarantino-Duffers der Musikbranche in einer Welt voller Belanglosig-, Einfallslosig- und Eintönigkeit, wie auch schon der Vorab-Banger „The Dirty And The Beast“ beweisen konnte – eigentlich hätte dieser Song alleine schon eine Rezension gebraucht.

Die besagte Intensität kann (und wird!) vermutlich zeitweise auch anstrengend sein, doch hat man sich einmal auf Lejana eingelassen, wird man die Details entdecken – denn Zufall ist auch auf diesem Album mit Sicherheit nichts. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Synth, Keys, Percussion, Bells und diverse andere Instrumente sowie sämtliche Hintergrundgeräusche sind harmonisch arrangiert und geben jedem Song eine Besonderheit, grenzen ihn vom anderen ab. Neben der musikalischen Wirkungsstärke wird der Platte vor allem auch durch die lyrische Finesse der Linda Mar noch einmal ein Stück mehr Authentizität eingehaucht; ihre Texte bezeichnet oftmals selbst als ‚poems‘ , weil sie eben solche sind – kurze Gedichte, die Gedanken zusammenfassen; mal in für den Hörer zunächst undurchsichtigen Fetzen und mal in kompletten Geschichten wie beispielsweise im träumerischen „Lovers“ . Durch die Lyrics malen die Songs Landschaften und entführen ins völlig Unbekannte, ohne dabei eine Fremde entstehen zu lassen – ähnliche wie das Cover. Alles ist miteinander verbunden.


Was für ein Musikvideo zu einem mega Song: The Dirty And The Beast


Eines fällt besonders auf: Alle Songtexte sind – wie auch die Musik – keinesfalls oberflächlich, sondern gehen vollkommen unter die Haut – stark! Mit „XII Bestias“ schicken Lejana die Fans auf eine zweite Reise, bei der man auf „El Corrido de Arnulfo González“ (bitte mit Kopfhörern – überhaupt der ultimative Tipp für dieses Meisterwerk, um nichts zu verpassen!) auch an den Ort des Geschehens entführt wird und mit geschlossenen Augen sofort in der Wüste und einem mexikanischen Vorort ist – zumindest in unserer Vorstellung. Intense, feurig! Kitsch ist an keiner Stelle vorhanden, die Band steht bemerkenswert hinter diesem vielleicht für unsere Zeit untypischen Sound und es darf lieber mehr als weniger sein. Und wer im Rock’n’Roll auch immer mal wieder besinnlich und ruhig kann, der hat Musik ohnehin verstanden – das beweist als krönender Abschluss das in Erinnerungen schwelgende „Schönleinstraße“ mit sinnigen Akustik-Gitarren, die die Geschichte begleiten und aufmerksam miterzählen. Ist man einmal in diesem Sog der „XII Bestias“ , möchte man gar nicht mehr raus und beim erneuten Hören noch mehr entdecken. Bitteschön, versinkt mit uns in einer gar nicht aufgesetzten, sondern ehrlichen Welt, denn Gefühle, Emotionen und Persönliches werden hier groß geschrieben und unverblümt dargestellt. Schön, wenn man beim Musikkonsumieren endlich wieder was merkt – und spürt, dass die Musizierenden auch was gefühlt haben. Geduld. Herzblut. Leidenschaft.

XII Bestiasvon Lejana | VÖ 10.08.2018 |
ANHÖREN // Download, CD und Spotify


Auch das Musikvideo zu „Bullet“ ist intensiv bebildert


Fotocredits: Esteban Tucci, Cover: Jason Gronlund

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