[INTERVIEW] BELGRAD beschreiben die Arbeit am Debüt-Album als „eine Zeit wie im Rausch mit einem unheimlich kreativen Vibe“ (Musiktipp, Verlosung)

Veröffentlicht: August 24, 2017 in Interviews, Verlosungen
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Ein Literat schreibt in so einer Stimmung ein Kriegsgedicht. Ein Pianist komponiert ein Intermezzo in Moll. Ein Maler erschafft mit Tusche ein monochromes Blatt. Rosenkranz, Leopoldowitsch, Mahler und Henseler schrieben, komponierten und erschufen in dieser monatelang anhaltenden Stimmung ihr erstes Album „Belgrad“ , das am 1. September erscheint. Im Interview erzählen sie uns mehr zur Band und zur Musik – außerdem verlosen wir Gästelistenplätze für die Release-Konzerte & CDs!

Das Projekt Belgrad wurde Anfang 2015 von Rosenkranz und Leopoldowitsch, die schon vorher miteinander gearbeitet hatten, gegründet, als sie zusammen auf einer mehrwöchigen Osteuropareise waren. Doch sie sollten mit ihren Ideen nicht lange alleine bleiben. Während des Produktionsprozesses schlossen sich gemäß der Bandauffassung von der fortwährenden Verhandlung und Verwandlung von Musik Mahler und Henseler an. Zwei Generationen, drei Städte in Ost und West, Widersprüche als Chance: Wohnhaft in Berlin, Dresden und Hamburg und künstlerisch sozialisiert in verschiedenen subkulturellen Szenen vereint die Band Belgrad unterschiedliche Sichtweisen. Wir sprachen mit Hendrik Rosenkranz über die Band, die Platte, die verschiedenen Städte und die aktuelle Lage.

The Pick: Es gibt vielleicht ein paar Leser, die Euch noch nicht kennen. Warum sollten diese Menschen, die jetzt auf diesen Beitrag geklickt haben, das ändern – was erwartet sie, aus Eurer Sicht?
Hendrik Rosenkranz (Belgrad): Wir laden diese Menschen ein, uns auf eine musikalische Reise zu begleiten, die punktuell in der Vergangenheit Halt macht, brisante Punkte der politischen und kulturellen Gegenwart besucht und letztlich jeden und jede zu sich selbst führen kann. Wir geben keine Antworten, entwerfen aber Fragen. Somit sind wir quasi nicht die Reiseführer, sondern suchen und staunen selbst. Dabei entsteht ein Soundtrack zu dem je individuellen Kopfkino, angesiedelt zwischen Postpunk, New Wave und 80er Pop, jedoch ohne den Anspruch, zu einem der Genres zu gehören oder gar zu unterhalten. Wir liefern nicht, sondern sind selbst Protagonisten und Teil des musikalischen Experiments.

Stellt Euch doch gern auch nochmal namentlich vor; wer Ihr seid, woher Ihr kommt und was Ihr vor Belgrad gemacht habt – und vielleicht noch nebenbei macht.
Wir sind Leo Leopoldowitsch (Dresden), Ron Henseler (Hamburg), Stephan Mahler (Hamburg) und ich, Hendrik Rosenkranz (Berlin). Unsere Lebensmittelpunkte liegen in den genannten drei Städten. Jeder von uns war bereits vor Belgrad musikalisch in verschiedenen Projekten aktiv, u.a. bei Stalin vs. Band, Dikloud, Slime, Torpedo Moskau und Kommando Sonne-nmilch, um nur einige zu nennen. Grundlegend machen wir Musik, produzieren Musik, hören Musik und verbringen hin und wieder auch etwas Zeit mit anderen Erfordernissen der menschlichen Existenz.

Es steht in der Pressemitteilung, dass Eure Musik so klingt, als würde die Antwort auf die Frage, wie Ihr zusammenkamt, nicht interessieren – uns interessiert das aber wirklich brennend: Wie, wann und wo findet man sich, wenn man aus Berlin, Dresden und Hamburg kommt und in ganz anderen „Szenen“ ist, aber dennoch gemeinsame Interessen hat?
Leo und ich hatten schon vorher miteinander gearbeitet und kennen uns noch aus meiner Dresdener Zeit. Wir haben das Projekt bereits Anfang 2015 während einer mehrwöchigen Osteuropareise gegründet. Während des Produktionsprozesses schloss Stephan sich auf unsere Einladung hin an. Über ihn haben wir kurze Zeit später, Anfang 2016, dann Ron kennengelernt. Die ursprüngliche Idee, dass er nur als Engineer aktiv sein sollte, wurde rasch verworfen, da Ron schnell eine unheimlich wichtige Rolle für unsere Platte einnahm. Allen war klar, dass er uns nicht nur aufnehmen sondern ein Teil der Band sein musste. So wie der Produktionsprozess von Anfang an einer Symbiose glich, fanden auch wir Vier fast intuitiv und natürlich zueinander und es wurde selbstverständlich, die Distanzen zwischen den Städten regelmäßig zu überwinden, um gemeinsam an den Songs zu arbeiten und neue Ideen zu entwickeln.

Wie würdet Ihr die Städte Berlin, Dresden und Hamburg jeweils beschreiben; was macht sie aus, was ist ihr spezieller Reiz und was mögt Ihr jeweils gar nicht?
Alle drei Großstädte sind selbstredend kulturelle Zentren, d.h. reich an Subkultur und Szene, kultureller Vielfalt und natürlich musikalischer Energie. In allen drei Städten sind interessante und außergewöhnliche Menschen zu treffen und die Lebensqualität ist hoch. Berlin, Hamburg und auch Dresden sind voller Schönheit und gleichzeitig Hässlichkeit, bunt und grau und kämpfen mit den zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Problemen und Erfordernissen. Die detaillierte Beschreibung überlasse ich gerne Reiseführern, die das bedeutend besser können, eine Kritik erlaube ich mir nicht, da diese Einschätzung rein subjektiv wäre. Wir leben jedenfalls gut in diesen drei Städten und genießen die regelmäßigen Ortswechsel, die das Projekt mit sich bringt.

Am 1. September erscheint nun Euer Debüt „Belgrad“, eine unheimlich wichtige Platte, wie wir finden. Ihr seid laut (aber auch mal leise) in einer schwierigen Zeit dieser Welt. Was war Euer Antrieb, eine solch intensive Platte zu machen – wie lange habt Ihr daran gearbeitet?
Leo und ich haben im Herbst 2015 mit dem Songwriting begonnen, es hat demnach knapp zwei Jahre gedauert bis das jetzige Resultat vorlag. Das war eine Zeit wie im Rausch mit einem unheimlich kreativen Vibe, daher erscheint sie retrospektiv betrachtet ungeheuer kurz. Der Antrieb war zum einen die enorme musikalische Energie, die zwischen uns beiden zu spüren war – wir hatten Kraft und Muse, miteinander intensive Songs zu produzieren -, und zum anderen der Erfahrungshorizont durch die gemeinsame Osteuropareise und vorherige Reisen gepaart mit politischem und kulturellen Interesse, was die inhaltliche Grundlage für die Songs lieferte oder besser die Fragen stellte, die wir für relevant genug hielten, um sie zu teilen.

Was ist für Dich der wichtigste Song des Albums, wenn man das so sagen kann – oder funktioniert das Ganze nur als Gesamtpaket mit allen acht Nummern?
Grundlegend funktioniert das Album als Gesamtkonstrukt natürlich am besten, da es wie in einem Guss entstand. Dennoch steht jeder Song auch für sich und beschreibt eine Etappe der Reise. Thematisch besonders wichtig und hochaktuell finde ich „Westen“. Eben in diesem Moment ist Krieg an vielen Orten der Welt, täglich sterben Menschen, anderen gelingt die Flucht, das heißt jedoch noch nicht, dass das Leid ein Ende hat. Der Krieg außen und innen folgt ihnen und auch uns.

Denkt Ihr jetzt an die Texte: Welche Zeile kommt Dir zuallererst in den Kopf?
„Die, die aufgeben, bleiben am Wegesrand liegen als stumme Zeugen dafür, ständig alles zu verlieren.“

Die Lieder behandeln unterschiedliche Thematiken. Man findet in ihnen Einsamkeit, aber auch Zwischenmenschlichkeit – gleichermaßen wie Krieg und Verlust, aber auch Sehnsüchte. Sie sind allesamt sehr tiefgründig, ja, nahezu poetisch, dabei aber immer direkt und frei heraus. Was war und ist die Inspiration für Euer besonderes Songwriting – und die Musik dazu?
Unsere Inspiration sind natürlich unseren musikalischen Wurzeln, unsere Aktivität vor Belgrad und vielfältige Vorbilder, aber auch die Welt, die uns umgibt. Geh mit offenen Augen auf Reisen, sprich mit Menschen, höre Nachrichten und in dich hinein, spüre den Zeitgeist und überlege dir, in was für einer Welt du (nicht) leben willst – und schon hast du Material für Texte eines ganzen Albums, zumindest funktioniert das bei uns so.

Sind die negativen Lieder für Euch noch Utopie oder schon Realität?
Das ist schwer zu beantworten. Generell sind unsere Lieder durchaus ein Spiegel der Zeit, in der wir leben. Sie sind daher schon die Beschreibung der Realität. Jedoch nicht ohne Hintertür, es gibt auch andere Facetten und es gibt immer einen Weg heraus.

Kürzlich veröffentlichten Kettcar ihren neuen Song „Sommer ‘89“ , der auch gut auf Eure Platte hätte passen können. Was bedeutet Euch der Track?
Ein hervorragend produzierter und wichtiger Song, ohne Frage, und sicherlich ein großes Kompliment – vielen Dank. Stilistisch sehe ich da schon signifikante Unterschiede, ich persönlich würde „Sommer `89“ nicht auf unserem Album sehen. Dennoch freuen wir uns über Songs, die politische Themen behandeln, die auch wir für relevant halten, die Aufarbeitung leisten und die Geschichten von Menschen erzählen.

Und was sind für Euch aktuell die Lieder, die Ihr als ‚wichtig‘ beschreiben würdet – welches Album hört Ihr zurzeit rauf und runter und würdet es am liebsten jedem Musik-Fan empfehlen?
Darauf kann ich keine einheitliche Antwort geben. Wichtige Lieder gibt es so viele und wir haben uns in den letzten Monaten tatsächlich vor allem mit unserer eigenen Musik beschäftigt – ihr beim Sich-Entwickeln zugehört sozusagen. Ron hört beispielsweise sonst nahezu gar keine Musik. Natürlich haben wir Neuerscheinungen befreundeter Bands verfolgt, No Waves „Immaculate Protection“ und Pisse „Kohlrübenwinter“ zum Beispiel, und auch Releases anderer Künstler. „Gotta Get A Grip“ von Mick Jagger, Moddis Cover von Pussy Riots „Punk Prayer“ oder auch „Szenen einer Ehe“ von Gewalt sind einige von denen, die mir im Kopf geblieben sind. Das Album, das bei mir häufig läuft und das ich definitiv jedem Musik-Fan empfehlen kann (und da stimmen mir die anderen sicherlich zu), ist Karates „The Bed Is In The Ocean“ von 1998. „Drunk“ von Thundercat ist großartig, „ii“ von Liima und David Bowies „Blackstar“ sind es ebenfalls.

„[…] Zweihundertvierzig und die Nadel geht weiter nach oben, auf der Straße verschmelzen die Konturen der Nacht zu leuchtenden Streifen auf schwarzem Grund. Im Radio läuft ein Song den du schon immer mochtest, was dir jetzt wo du allein bist, erst auffällt. Du drehst lauter – gehst nochmal aufs Gas und eine Vision flammt kurz auf: Wie es wäre, wenn du jetzt einfach das Lenkrad loslassen würdest.“  Puh. Selbst das Ende Eurer Pressemitteilung ist unfassbar poetisch, bildhaft und bewegend. Welcher Song wäre es, den Ihr schon immer mochtet –  und wie wäre es denn eigentlich, wenn Du jetzt einfach das Lenkrad loslassen würdest?
Der Song im Radio ist „All Along The Watchtower“ von Jimi Hendrix, die Vision hatte ich im Jahr 2015 und das Lenkrad, das habe ich längst losgelassen.

Belgrad Release-Shows 2017:
01.09. Hamburg Hafenklang (Fb-Event)
02.09. Berlin Acid Kunsthaus (Fb-Event)
>> Tickets für Hamburg, Tickets für Berlin!

GEWINNSPIEL
Wir verlosen 1× 2 Gästelistenplätze, jeweils für Hamburg und Berlin
oder
2x 1 „Belgrad“ Debüt-Album (CD)

Mailt uns einfach bis zum spätestens 29.08.2017, 23:59 Uhr unter dem Betreff “Belgrad + NAME DER WUNSCHSTADT“ an win(at)the-pick.de und gebt bitte unbedingt den vollständigen Namen der Person an, der auf der Gästeliste stehen soll – oder schreibt unter dem Betreff “Belgrad CD“ unter Angabe Eurer vollständigen Postanschrift für den Versand der CD. Unvollständige Mails und Mehrfacheinsendungen können wir leider nicht berücksichtigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

(c) Fotos: Belgrad, (c) Cover: Zeitstrafe

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