REVIEW: Jennifer Rostock | 07.02.2014 Oberhausen, Turbinenhalle

Veröffentlicht: Februar 9, 2014 in Live-Reviews

Jennifer RostockEinige Zeit ist vergangen, seit Jennifer Rostock ihr Debüt-Album „Ins offene Messer“ veröffentlicht haben. Um genau zu sein: 6 Jahre ist es mittlerweile sogar schon her, dass die Band um Sängerin Jennifer Weist sich mit „Kopf oder Zahl“ in die MTV-Generation geschrien hat. Am 17. Januar 2014 veröffentlichte die gefeierte Live-Band ihr neues Album „Schlaflos“ und begab sich kurze Zeit später schon auf große Tour – teilweise waren die Konzerte schon ausverkauft, bevor die Fans das Album überhaupt kannten. Krass! Aber irgendwie typisch Jennifer Rostock.

Aus dem Nichts kam damals dieses eine Video, in dem die augenscheinliche (Emo?-Glam?-Punk?)Band Zeilen wie „Bitte gehen Sie weiter, bitte machen Sie Platz für die Karriereleiter“ singt, wild feiert, rumknutscht und die Partywohnung irgendwann verlässt und raus auf die Straßen geht. Man sieht sie dann von hinten: zumindest die Füße, wie sie weggehen und in die Nacht laufen. Auf dem aktuellen „Schlaflos„-Album-Cover  sieht man die Band von vorne. Glücklich. Zufrieden. Sicher. Frei. All das können sie mittlerweile auch sein, sind sie doch die Stufen der Karriereleiter langsam aber eben sicher immer höher geklettert: „Mit Haut und Haar“ (2011) landet auf Platz 4, das Live-Album/die Live-DVD „Live in Berlin“ (2012) schafft sogar den Direkteinstieg auf Platz 3 und „Schlaflos“ ist nur noch einen Platz von der Pole Position entfernt.

Natürlich konnten wir es uns nicht nehmen lassen, Jennifer Rostock auf der aktuellen Tour zu besuchen und die neuen Songs live zu hören: so haben wir den Freitagabend des 7. Februar in der Turbinenhalle Oberhausen verbracht.

Um das Publikum rostock-reif zu machen, lud der Haupt-Act sich mal wieder einen Support ein, der passender nicht hätte sein können: Jennifer Rostock aus Berlin rufen, Marathonmann aus München hören. Und beide finden prompt zusammen. Für eine ganze Tour. Michael Lettner, Sänger von Marathonmann, hat, einfach und direkt gesagt, viel Wumms in der Stimme – die Stimme macht Krach und geht schreiend ins Ohr. Manchmal denkt man sogar ein wenig an Casper, was sicherlich nicht das marathonmannschlechteste Kompliment ist, hat dieser doch nicht zuletzt dank seiner ziemlich eigene Stimmfarbe einen Riesenerfolg (auch Marathonmann durften bereits als Support von Casper spielen). Der einzige Unterschied: Casper macht eher rockigen Hip Hop und Marathonmann machen melodische Post-Hardcore-Mucke. Mit Wums eben! Ob nun so oder anders, es ist schnell klar, dass das Publikum sofort großen Gefallen an Michael, Robin, Christian und Marcel gefunden hat und auf die sich wiederholende „Seid ihr noch mit uns?„-Frage des Sängers nur noch lauter schreit. Unter den sieben Songs, die sie in guten 35 Minuten spielen, befindet sich auch die SingleDie Stadt gehört den Besten„, für die JR-Bassist Christoph Deckert bereits auf die Bühne kommt und noch ein wenig mehr Lautstärke unterbringt. Am Schluss sind sich die 2.300 Besucher der Turbinenhalle Oberhausen sowie Marathonmann einig: sie sind Freunde geworden. Eine gute Rechnung, bei der beide Seiten definitiv auf ihre Kosten gekommen sind: die einen haben Musik bekommen, die anderen den Applaus – und beide lautes Geschrei!

2.300 Besucher! Eine ziemlich große Erhöhung seit der letzten Tour – und der davor – und der dadavor – und so weiter. Jennifer Rostock haben klein angefangen und sich mit Mühe in die ganz große Liga gearbeitet. Wie heißt es denn so schön? Gut Ding will Weile haben.

Gegen kurz nach neun betreten die Bandmitglieder Christopher (Schlagzeug), Alex (Gitarre), Joe (Keyboard) und Christoph (Bass) nacheinander die Bühne. Die Fans rasten schon bei den ersten Tönen aus, die die Instrumente hervorbringen – bis das Geschrei plötzlich sogar einem Boyband-Fanpublikum nah kommt, als der Vorhang fällt und Frontfrau Jennifer Weist auf dem Podest steht und die Single „Phantombild“ singt – jenige welche, in der sie den bei den Fans beliebten Vers „Ich fress‘ Papier und kotz‘ Konfetti!“ singt – und passenderweise aus allen Ecken Konfetti in die jubelnde Masse fliegt, insbesondere aus der Konfetti-Fontäne, die üblicherweise bei JR-Konzerten am Bühnenrand steht. Es wirkt, als sei es das letzte Lied und die Fans sind außer Rand und Band, durchgeschwitzt, erfreut, nervös,… – doch es ist erst das erste Lied und dem Publikum steht noch einiges bevor. Auch die Band scheint überwältigt und Nenn-sie-nicht-Jenny muss erst einmal Luft holen, bevor sie in einer ganz Jennifer Rostocksympathischen und ich-bin-ein-kleines-aufgeregtes-Kind-Stimme „Hallo! Wir sind’s, eure Jennifer Rostock!“ von sich gibt und sich das Ganze erst einmal in Ruhe anschaut. Sie scheinen alle glücklich und zufrieden. Für einen Moment sogar handzahm, aber das hält nicht lange an, denn auf den positiven Schock-Anblick der Menschenmenge gibt’s erst einmal einen Schnaps, einen Mexikaner, um genau zu sein – nicht, dass sie vor Aufregung noch Konfetti kotzt. Aber das Kotzen folgt ähnlich (Sind wir hier nun doch in einer „Feuchtgebiete“-Vorstellung gelandet? Nicht ganz. Nur kurz.): Schnaps reinkippen. Oh, wohl bisschen hart. Wieder zurück ins Pinnchen spucken. „Wer will das haben?“ rufen – und hunderte von Händen jubeln sehen. Rein damit – in die gröhlende Menge. Zu Beginn einfach mal ein bisschen JR-DNA verteilen und die sowieso schon aufgeheizte Masse noch heißer machen. Schön einschmieren soll der Auffänger sich damit. Lecker! Eins wissen wir jetzt schon sicher: Jennifer Rostock haben sich als Band weiterentwickelt, aber sie sind noch immer nicht die Band, zu der man seine Eltern mittlerweile bedenkenlos mitnehmen würde, wie sie selbst auch noch einmal betont: „Ich muss mich heute ein bisschen gewählter ausdrücken. Meine Schwiegereltern sind da…“ (die scheinen übrigens regelmäßig vorbeizukommen). Neben all dem Gerede und der Fan-Nähe, die insbesondere durch Jennifer herself entsteht, gibt’s natürlich auch ordentlich Musik: von „Nichts tät ich lieber“ (aus dem Debüt-Album „Ins offene Messer“) bis hin zur aktuellen SingleK.B.A.G.„, die das teuerste Video der Bandgeschichte aufweist, wie sie noch einmal betont, gibt’s alles auf die Ohren – und eine sexy tanzende Jennifer für die Augen.

Unzählige Touren und Festivalgigs liegen nach vier Studioalben und einem Livealbum bereits hinter der Band,vieles ändert sich, doch manches bleibt immer gleich. So darf/muss Marathonmanns Michi zum Song „Der Kapitän“ auf die Bühne, um diesen mit Jennifer zusammen zu performen – in Kapitänsmütze, die beide zum Songende synchron in die Zuschauermenge werfen. Auch Songs wie „Feuer“ als Allzeitfavorit (mit zwei Fans, die jeweils eine Strophe und Refrain singen), „Du willst mir an die Wäsche“ (zahlreiche Gäste wirbeln mit sämtlichen Klamottenteilen wild umher) sowie „Himalaya“ sind Bestandteil der aktuellen Setlist. Zu letzterem bekommt die Band am Merch-Stand, wenn sie Autogramme schreiben, immer schöne Stories (manchmal auch traurige) erzählt, wofür Frau Weist sich an diesem Abend noch einmal herzlich bedankt, bevor zu dem 13. Song des Abends ordentlich gesprungen wird!

Irgendwas muss natürlich auch neu sein: Allem voran natürlich die brandneuen Songs, beispielsweise „Tauben aus Porzellan„, „Du nimmst mir die Angst“ (heute Abend speziell für Björn, der seiner Freundin Nicole Baumann heute – vor 2.300 Zeugen plus Jennifer Rostock – einen Heiratsantrag machte) oder „Der blinde Passagier„, zu dem ein Jungenkreis in der Hallenmitte die T-Shirts von sich reißt und aufeinander zu rennt – ein kleines Moshpit mit nackter (Hühner-)Brust, damit auch Jennifer mal was zu gucken hat. Besonders am Herzen liegt der Band hierbei jedoch die erste „Schlaflos„-SingleEin Schmerz und eine Kehle„, auf der sie sich für Gleichberechtigung in jeder Hinsicht stark machen und mit einer Regenbogenfahne ein deutliches Zeichen für Toleranz setzen! Mit dem Song „Das Schiff versinkt„, der auf einer Deluxe-Version des Vorgänger-Albums „Mit Haut und Haar“ zu finden ist, beweist die Sängerin einmal mehr ihre starke Stimme – die auch in der Cover-Version des Miley Cyrus‘ Hits „Wrecking Ball“ zu hören ist, dessen Performance sie kommentiert: „Die Frau ist scheiße, aber der Song ist geil, darauf können wir uns alle einigen!„.

Zugaben bekommen die Fans einige und im ersten Teil sogar einen Band-History-Mix, wenn man so will: „Zeitspiel“ aus dem aktuellen Album „Schlaflos„, „Kopf oder Zahl“ aus dem Debüt-Album „Ins offene Messer“ sowie „Mein Mikrofon“ aus dem 2011er-Album „Mit Haut und Haar“ – und zu guter Letzt, als Zuzugabe sozusagen, singt Jennifer, nur von Keyboarder und Lieblingsknutschkindergartenfreund Joe begleitet, die powervolle Ballade Schlaflos“ und rundet einen tollen Konzertabend mit den Worten „Geh nach Haus, schlaf dich aus, es ist schon spät“ optimal ab und zeigt einmal mehr ihr Stimmtalent als Rocksängerin. Eine kleine Entschädigung und ein Highlight für all diejenigen, die das Akustik-Set der letzten Tour vermissen oder die „Stromlos“-Versionen lieb gewonnen haben.

Man weiß gar nicht, was man als Highlight aufführen soll. Vielleicht einfach das ganze Konzert als Gesamt-Highlight. Die Berliner Truppe weiß eben ganz genau, was die Fans wollen – die perfekte Mischung aus alt und neu.

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(c) Fotos Marathonmann: R. Bektas,
(c) Fotos Jennifer Rostock: C. Söhnchen
Mit bestem Dank an FKP Scorpio!

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